BONHOEFFER-ORATORIUM: Programmnotiz

Lange Zeit war Dietrich Bonhoeffer für mich wenig mehr als ein Name, den ich in Predigten gehört hatte. Ich kannte seinen Begriff "billige Gnade", und ich wußte, dass dieser Pastor und Theologe zum deutschen Widerstand gehört hatte und dass er 1945 von den Nazis wegen Hochverrat gehenkt wurde - aber das war auch schon praktisch alles.

Dann, im Februar 1986, stieß ich bei einem Berlinaufenthalt zufällig auf die Ankündigung, dass in der Dietrich-Bonhoeffer-Gedächtniskirche ein Treffen aus Anlass seines achtzigsten Geburtstags stattfand. Ich ging hin. Ein ehemaliger Schüler Bonhoeffers, Otto Dudzus, hielt eine anregende informelle Rede, aber für mich war alles neu, und so verstand ich nicht allzu viel.

Dennoch war mein Interesse geweckt; ich kaufte mir ein paar Bücher und begann mit der ungewöhnlichsten Leseerfahrung meines Lebens: Die Schriften Dietrich Bonhoeffers in der Originalsprache. Eine Woche auf einer Konferenz der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft in Amsterdam gab mir 1988 Gelegenheit, Fachleute kennenzulernen und zu hören - und führten zu einem gründlicheren Verständnis für diesen Mann und zu einer größeren Wertschätzung der sieben oder acht Bände Theologie, die er bis zum Alter von 39 schrieb.

Bonhoeffers Theologie brachte nicht nur eine Erneuerung und Vertiefung meines eigenen Christentums, sondern weckten auch den Wunsch nach einer Reaktion in meinem eigenen Metier als Komponist; vier Jahre lang (1988 bis 1992) widmete ich die meiste Zeit, die ich mit Komponieren zubrachte, der Vertonung von Bonhoeffers Texten und dem, was schließlich zu meinem Bonhoeffer-Oratorium wurde.

Als unerwartet schwierig stellte es sich heraus, ein Orchester und einen Geldgeber für eine Aufführung dieses massiven Werk zu finden, und so mußte ich tatsächlich weitere vier Jahre warten, bis Chor und Orchester des Niederländischen Rundfunks im September 1996 in Maastricht die Uraufführung ermöglichten.

Das Werk wurde aber sehr positiv aufgenommen, und die deutsche Erstaufführung in Berlin zwei Jahre später sorgte für eine zweite gute Aufführung. Im Mai 2000 wurde das BONHOEFFER-ORATORIUM auch in den USA gespielt.

Dies ist die längste und am größten angelegte Komposition, die ich geschrieben habe, und auch die eingenwilligste. Von der einfachen Direktheit des ersten Teils zu den dissonanten politischen Äußerungen von Teil zwei, und weiter über die "Lasst uns Gott zusammen preisen"-Fröhlichkeit von Teil drei zu den einstimmigen Gospelstimmungen des letzten Teils, habe ich dort eine Musik geschrieben wie nie zuvor. Orchester, Chor, Solisten und die formale Struktur folgen der klassischen deutschen Oratorientradition, aber für andere Details spielt diese überhaupt keine Rolle: Die vier Saxophone im Orchester lassen an Jazz denken, die ganze Partitur erinnert manchmal an Kurt Weill und andere deutsche Komponisten aus Bonhoeffers Generation, und manchmal kann man schwarze amerikanische Gospelmusik hören und Anspielungen auf die Spirituals, die Bonhoeffer so gerne mochte.

Gleichzeitig scheint das Werk in einer Weise für die Gegenwart zu sprechen, wie es meine Opern und Instrumentalkompositionen niemals getan haben - vielleicht, weil Dietrich Bonhoeffers Texte heute weiter so lebendig und wesentlich sind.

Tom Johnson

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